Wider das Geld im Denken und Fühlen

Hölderlin und Nietzsche als Kapitalismuskritiker

Ulrich Duchrow

6. Oktober 2026

Lucas Murrey, Nietzsche: the meaning of earth, Lehigh University Press, London, 2015

Was macht es interessant, im deutschsprachigen Raum über eine spannende Diskussion in der englischen Altertumskunde und Philosophie zu berichten? Die Antwort lautet: weil sie uns lehrt, die deutschen Dichter und Denker Hölderlin und Nietzsche als kapitalismuskritische Autoren wahrzunehmen.

Dies ist aber nur zu verstehen, wenn man weiß, dass der englische Althistoriker Richard Seaford seit über 10 Jahren dabei ist, die Altertumswissenschaften zu revolutionieren, indem er ein völlig neues Verständnis der griechischen Antike ermöglicht, das auch Hölderlin und Nietzsche neu sehen lehrt.1 Seine These: Mit dem Eindringen des Geldes in das tägliche Leben, insbesondere mit der Münzprägung um 600 v.u.Z. in Lydien, kam die Monetarisierung über griechische Söldner auch nach Griechenland. Milet an der Westküste der heutigen Türkei war die erste durchmonetarisierte Polis. Genau an diesem Ort und zu dieser Zeit entstand die vorsokratische Philosophie. Thales, Anaximenes, Anaximander und darauf aufbauend Parmenides und Heraklit fragen nach dem Einen im Vielen – eine Spiegelung des Geldes, grundlegend für alles weitere westliche philosophische Denken. Dieses Eine kann man in alles andere tauschen. Gleichzeitig entsteht damit die Vorstellung, das Wesen des Kosmos sei eine Abstraktion. Und es entsteht ein neues berechnendes Sehen, das die Dinge aus ihrem Zusammenhang löst. Es ändert sich die Art, wie Menschen ihre Augen benutzen. Auch Hölderlin und Nietzsche haben dieses Feld ausgelotet – genauer, sie nehmen wahr, wie diese visuelle Nutzung der Augen seit der Erfindung des Gelds abstrakter geworden ist, insofern Menschen die klare Verbindung zur Gemeinschaft und Natur buchstäblich als weniger sichtbar empfinden: Die Verbindung von Geld und Sehen ruft eine gefährliche neurologische Veränderung hervor.

Durch das Ich-bezogene rechnende und berechnende Denken entsteht auch das Individuum, das sich aus den Beziehungen mit Natur und Gemeinschaft löst. Das prototypische Geldsubjekt ist das Individuum des Tyrannen, der mit Geldmacht über alle übrigen herrscht. Er wähnt sich aufgrund der Geldmacht unabhängig von anderen Menschen, von gemeinschaftlichen Traditionen und Verpflichtungen, unabhängig von allen Geschöpfen.

Gegen diese Entwicklung steht die griechische Tragödie auf. Sie nimmt die Dionysos-Mysterien auf, in denen isolierte Individuen durch eine Todeserfahrung hindurch gehen müssen, um wieder in ein Leben in Beziehung zur Gemeinschaft und zur Natur einzutreten. Das wird an Tyrannen wie Kreon, Ödipus, Pentheus u.a. demonstriert. Der Gott Dionysos fungiert hier also als Befreier aus der Geldzivilisation, die das Individuum in den Tod der Isolation führt.

Der junge Philosoph Lucas Murrey weist in zwei brillanten Studien nach, dass die dionysische Poesie Hölderlins2 und die dionysische Philosophie Nietzsches genau diese kritische griechische Tradition aufgreifen, um sie gegen die zeitgenössische kapitalistische Industrialisierung und Monetarisierung und deren verheerende Wirkungen auf Menschen, Gesellschaft und Natur zu wenden.

Es ist natürlich bekannt, dass Hölderlin vor seinen großen dichterischen Werken griechische Tragödien ins Deutsche übersetzte. Was aber neu ist: zu sehen, dass daraus präzise die Elemente in die spätere Poesie einfließen, die das monetarisierte Denken und Fühlen seiner Zeit kritisieren und versuchen, die Beziehung zu Gemeinschaft und Natur wiederzugewinnen.

Das Gleiche lässt sich auch vor allem an Nietzsches Frühwerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ und seinem Spätwerk „Und also sprach Zarathustra“ nachweisen. Allerdings ist nun bei Nietzsche zu beobachten, dass die Kritik an der Geldzivilisation massiv nach „rechts“ umkippen kann – schon deshalb ist es hochaktuell, diese scheinbar gelehrte Diskussion wahrzunehmen. Plötzlich wird die Wiedergewinnung der Gemeinschaft zur imperialen Ausbreitung der nationalistischen deutschen Volksgemeinschaft und die Treue zur Erde zur Verteidigung von Blut und Boden. Damit verbunden ist ein massiver Antisemitismus, ursprünglich stark angefeuert von Richard Wagner. Beides trägt bekanntlich zur Legitimation des 1. Weltkriegs und des Nationalsozialismus bei. 150 000 Soldaten zogen mit dem Zarathustra im Tornister in die Schlacht.

Damit verfinstert Nietzsche seine produktiv an Dionysos gewonnenen Einsichten. Denn Dionysos ist der demokratische Gott, indem er durch Überwindung der Tyrannis die Einzelnen in die Verbindung mit Gemeinschaft und Erde zurückführt. Nietzsche aber zielt auf den Helden als Übermenschen, auf eine aristokratische Elite. Entsprechend polemisiert er gegen alle Revolutionen, alle demokratischen und sozialistischen Aufbrüche seit der Französischen Revolution.3 Damit führt sein Versuch, das Geldindividuum zu überwinden, zu einem Hyperindividuum und seine berechtigte Kritik an der westlichen Moderne endet in einer Hypermoderne.

Religion kommt bei Nietzsche und in diesem ganzen Zusammenhang nur in ihrer an die Geldzivilisation angepassten Form in den Blick. Hier wäre es interessant, die kritische Perspektive der hebräischen Bibel und vor allem des Paulus ins Gespräch zu bringen.4 Dann würde deutlich, dass es nicht nur die Tragödien sind, die gegen die entstehende Geldzivilisation aufstehen, sondern vielmehr auch alle Religionen und Philosophien der Achsenzeit – von Amos über Buddha, Zoroaster, Laotse, Konfuzius und Jesus bis hin zu Muhammad.5 Das wiederum würde zeigen, dass im kulturellen Erbe von Jahrtausenden Ressourcen schlummern, die wir dringend brauchen, um langfristig eine neue Kultur des Lebens zu entwickeln. Denn das ist dringend nötig, da die herrschende westliche Geldzivilisation, unterstützt von den Medien, die das Sehen der Wirklichkeit zerstören, Erde und Menschheit in den Tod führen. Darauf weist Murrey in seinen Schlussbemerkungen hin. Ihm kommt das Verdienst zu, Hölderlin und – teilweise – Nietzsche als Bundesgenossen für die neue Kultur entdeckt zu haben.

  1. Vgl. vor allem Richard Seaford, Money and the Early Greek Mind: Homer, Tragedy, Philosophy, Cambridge, 2004. ↩
  2. Lucas Murrey, Hölderlin's Dionysiac Poetry: The Terrifying-Exciting Mysteries, Heidelberg, 2015. ↩
  3. Vgl. dazu das monumentale Werk Domenico Losurdo, Nietzsche, der aristokratische Rebell. Intellektuelle Biographie und kritische Bilanz, zwei Bände, Argument/Inkrit, Berlin 2009, und dazu die luzide Rezension von Moshe Zuckermann unter dem Titel “Apologet der Herrschaft”, in: junge welt, v. 16. Okt. 2009, Nr.240, S. 10f. ↩
  4. Vgl. HINKELAMMERT, Franz J.: Der Fluch, der auf dem Gesetz lastet. Paulus von Tarsus und das kritische Denken. Luzern: Exodus, 2011. ↩
  5. Dazu vgl. Ulrich Duchrow, Gieriges Geld. Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven, Kösel München 2013. ↩